Venedig – und immer wieder die Stille (Teil II)
- Elvira Schmidt

- 22. Feb.
- 7 Min. Lesezeit

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Teil I habe ich mit folgenden Fragen beendet:
Ihr wollt wissen, was es sonst auf dem Lido zu entdecken gibt?
Ihr wollt mit mir in der Finsternis über den Markusplatz gehen?
Ihr wollt mich auf die Toteninsel San Michele begleiten?
Dann ... seid gespannt auf den nächsten Teil.
Und here we are … willkommen zurück auf dem Lido di Venezia.
Gerade befinde ich mich noch per Fahrrad auf dem Rückweg vom menschenleeren Naturschutzgebiet „Oasi delle Dune degli Alberoni“.
Man muss nicht weit fahren und die kleine Ortschaft Malamocco taucht auf.
Der kleine Ort Malamocco
Der Aufforderung durch ein Verkehrsschild vom Rad abzusteigen und zu schieben befolgte ich gerne und ging über die Piazza, die Cortile, die Fußgängerzone… alleine.
Nur eine Handvoll Menschen saßen in zwei Bars. Nur mein Rad klackerte, wie kleine Striche, die sich über den Hintergrund der Stille legt. Bunte Häuser, kleine Gärten zum Niederknien und immer wieder der venezianische Löwe in den Fassaden. Ich war ehrfürchtig, verzaubert, gerührt, denn ich bewegte mich in dem Italien von dem man immer träumt und mit dem ich hier auf dem Lido bestimmt nicht gerechnet hatte.
Malamocco ist einer der ältesten Siedlungsorte der Lagunenstadt und war früher sogar Regierungssitz des Dogen und damit politisches Zentrum. Es hat eine wechselvolle Geschichte, denn es wurde 810 von Pippin, dem Sohn Karl des Großen zerstört. Danach verlagerte sich der politische Schwerpunkt nach Rialto. Im 12. Jhd gab es eine verheerende Sturmflut, so dass die heutige Ortschaft eine Neugründung ist, die etwas landeinwärts erbaut wurde.
Angefüllt mit Stille und mit vom Wind zerzausten Haaren fuhr ich daraufhin lange, lange zurück. So lange, dass ich schon dachte, mich verfahren zu haben. Aber dann tauchte die Vaporettostation St. Maria Elisabetta auf und ich fiel innerlich angefüllt mit Wind, Meer, Strand und etwas Sonne, erstmal sehr glücklich in eine ausgedehnte riposo pomeridiano (Nachmittagsruhe).
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„Eine kleine Runde um den Block“ oder San Marco bei Nacht
Nach dem Abendessen habe ich wieder Energie und Lust auf eine „kleine Runde um den Block“. In diesem Falle bedeutet das: auf zur Vaporettostation auf die Linea 1 Richtung San Marco.
Das Wasser ist ein tiefdunkler elastischer Film und vom anderen Ufer leuchten die Lichter der Silhouette der Serenissima durch die Nacht. Erleuchtet und doch gleichzeitig erstaunlich dunkel, habe ich in mein Skizzenbuch notiert, liegt San Marco.
Irgendwie hatte das Vaporetto eine Haltestelle übersprungen, so dass man bei „La Salute“ aussteigen und umsteigen muss. Die Basilica di Santa Maria della Salute leuchtet weiß in das Schwarz-Blau der frühen Nacht. Diese frühe Nacht tastet sich mit jedem Tag weiter in den Abend hinein. Königinnengleich sitzt dieser Kirchenbau auf der Dognana und wacht über diesen Stadtteil. Dahinter erstreckt sich das ehemalige Seezollhaus von Venedig, die „Punta della Dogana“. Heute ist es ein wichtiger Ausstellungsort für Moderne Kunst in Venedig und gerade ist dort der Bildhauer Thomas Schütte ausgestellt. Die Schritte hallen, während links die Gondeln liegen, schlafend wie aufgestallte Pferde, die morgen wieder ihre Arbeit aufnehmen.
An der ganz vorderen Spitze der Dognana stehe ich dann, wie auf einem Schiff: rechts die Guidecca und links San Marco. Dort spüre ich mich, gleich doppelt umströmt von der Vergangenheit und der Gegenwart. Der der Stadt und meiner eigenen.
Dann setze ich über nach San Marco. Gehe nicht durch die beiden Granitsäulen (Säule des Heiligen Markus und Theodorus) aus dem 12. Jahrhundert, wo früher die Hinrichtungen stattfanden. Denn das soll Unglück bringen. Der große Platz, die große Bühne vor dem Dogenpalast und San Marco, bereitet sich mit gestapelten Stegen schon auf ein mögliches „Aqua Alta“ vor.
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„Der schönste Platz der Welt“ heißt es. Dieses steingewordene Wahrzeichen von Venedig, ist abends immer ein besonderes Erlebnis. Weiter hinten Richtung Museo Correr hört man Orchestermusik und ich stelle mich zu der Menschentraube, vor dem berühmten Gran Caffè Quadri. Familien mit Kindern, Liebespaare, Jung und Alt lauschen. Auf einmal gibt es Möwengeschrei und ein Schiffshorn, das ein Musiker mit einem Lächeln auf den Lippen nachahmt und darauf folgt die Titelmusik von „Titanic“. Die Gäste an den rot beleuchteten, bestimmt sehr teuren Tischchen und die Menge davor, lächeln, lachen, lauschen und filmen. Einer dieser Momente, die immer in Erinnerung bleiben.
Leider hat sich inzwischen der Regen verstärkt, sonst wäre ich noch bis zum Arsenale gegangen und hätte die berühmten Löwen besucht. So aber geht es mit dem Vaporetto zurück durch die Nacht in`s Trockene.
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Mit meinen Toten auf der Insel der Toten San Michele
Von der Vaporettohaltestelle Fondamente Nove kann man nach Murano fahren oder auf dem Weg dorthin auf der Friedhofsinsel aussteigen.
Tausende Lebensgeschichten sind hier versammelt. Zuerst wandert man durch Gräberreihen, dann durch die Reihen großer Quader, in denen aus Platzmangel, heute Urnen beigesetzt werden. Unter anderem sind hier Berühmtheiten wie Igor Strawinski, Ezra Pound, Joseph Brodsky und Sergei Djagilew (der Gründer des Ballets Russes) begraben.
1998 gewann David Chipperfield den internationalen Wettbewerb zur Erweiterung des Friedhofs San Michele. Wer sich für dieses ganz besondere Projekt interessiert wird hier fündig: San Michele cemetery • David Chipperfield Architects
Beim Umherwandern, lese ich Daten, sehe Fotos, die mich erfreuen: eine Nonna stolz mit einer Torte, ein Nonno auf einem eleganten Boot auf dem Canale Grande.
Auch ich habe meine Toten mitgebracht. Wir haben 2025 meinen Schwiegervater mit seiner Krebserkrankung in den Tod begleitet und am 10. Februar beerdigt. Wenige Monate später bekam ich die Nachricht, dass meine Lieblingstante Gerda verstorben war. Wir fuhren nach Münster, wo sie auf einem Waldfriedhof an einem sonnigen Frühsommertag ihre letzte Ruhe fand. Immer im Bunde ist auch mein Papa, der 1995 unverhofft im Alter von 52 Jahren ganz plötzlich starb und der an seinem 53 igsten Geburtstag beerdigt wurde. Wahrscheinlich war ich einfach viel zu jung und unvorbereitet, um mich jemals richtig von diesem Schock zu erholen. So hat jede ihre ganz persönlichen Geschichten mit dem Tod und seinen Toten.
Und da ist sie die Traurigkeit: Sie legt mir ihre Hand auf die Schulter. Ich weine ganz plötzlich.
Später möchte ich mich hinsetzen: nur das Klappern der auf einem Gestell aufgehängten Gießkannen im Wind hören und in der Stille sitzen. Doch dann wird lautstark gearbeitet: in einer Kapelle weiter weg.
Meist ist da nur kurz ein Platz, wo man völlige Ruhe zum Trauern findet. Dann hört man wieder: Stimmen, Maschinen, das Holpern des Lebens und das irritiert im ersten Moment, vielleicht verärgert es auch. „Kann denn nicht einmal kurz endlich Ruhe sein?“ ruft man innerlich.
Aber dann, ist es einfach gut so. Das Leben geht weiter, ob man will oder nicht. Das ist gleichzeit grausam und beruhigend.
Alles durchwirkt sich gegenseitig. Wie Fäden in einem Stoff, der nie ganz dunkel ist, sondern nuanciert je nach Lichteinfall. Durchwirkt von Stille, von Freude, von Liebe, von Momenten, Dankbarkeit, Alltag, Nervereien…
Und jetzt, höre ich das Plätschern des Wassers in der Lagune. Man hört das Vaporetto von und nach Murano, irgendwer schleift und bohrt und ja, die Gießkannen hört man auch klappern. Und ich habe diese Zeilen in mein Skizzenbuch geschrieben…
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Und hierbei belasse ich auch meinen Besuch in Venedig, obwohl es noch viel zu berichten gäbe:
Vom Flanieren auf der Giudecca, was ich dieses mal mehrmals genoss und vom Glitzern des Giudeccakanals ganz gefangen war. Vom Besuch auf den Inseln Burano, Mazzorbo und Torcello.
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Und dann war da noch:
Der Blick vom Lido auf die „Geisterinsel“ Poveglia. Alleine über Poveglia könnte man einen ganzen Artikel schreiben
Der interaktive Spielplatz Richtung Giardini, wo wildfreme Menschen miteinander schaukelten, ich auf einer Marmorliege in den Himmel schaute und an die zurückliegenden Kunstbiennalen dachte. Und an die Kommende 2026 !
Der Anblick der einheimischen Fischer, die bei der Riesenjacht „Sixth Sense“ fischten. Lauter kleine David`s vor der Absurdität des Kapitalismus.
Das Kleid, das im Wind auf einer Leine in Burano tanzt.
Der schwarze Kater auf einer wunderschönen Bank, der sich auf Torcello, von einer wechselnden Streichelbelegschaft aus aller Welt , stundenlang schmusen lässt
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Gedanken zum Abschied auf der Dachterrasse und Generalstreik
Die Beziehung zu Venedig ist für mich, wie einen Menschen, den man kennenlernt. Man muss sich bemühen, Gedanken machen, nachfragen und zwar am besten, mit einer großen Liebe und viel Respekt im Herzen. Dann wird man sich besser kennenlernen. Das Gegenüber gibt nach und nach mehr von sich Preis. Erzählt mehr, überrascht einen. Wenn man Venedig nur oberflächlich anschaut und dann nicht mehr in die Tiefe geht, wird man auch nicht mehr bekommen, als „das Übliche“.
Die „Serenissima“ kennt die Massen zur Genüge. Sie lebt von ihnen, bleibt höflich, geduldig und zurückhaltend in ihrer Würde. Nicht mehr. Und das ist schon unfassbar viel in dieser „unwahrscheinlichsten aller Städte“ (Zitat Thomas Mann).
Lässt man sich jedoch immer wieder mit Zeit und wahrem Interesse aufeinander ein, geht in den Austausch, lauscht, folgt den kleinen Hinweisen und folgt diesen, wird sie einem soviel mehr erzählen, mehr erleben lassen und beschenken. Ich bewundere die letzten Venezianer und die, die täglich von Mestre oder von sonst wo nach Venedig fahren, um zu arbeiten. Sie lassen die Massen mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen.
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Anreise:
Traut Euch und fahrt mal mit der Bahn in der Nebensaison. Eine wirklich wunderschöne Panoramafahrt wird Euch belohnen und die Ankunft am Bahnhof Santa Lucia mitten am Canal Grande ist für mich jedes Mal der Inbegriff von Glück. Möglichst lange im Voraus mit Sitzplatz buchen. Gerade in der Nebensaison gibt es sehr günstige Tickets. Und ja, es gibt Verspätungen und ja es gibt Generalstreiks in Italien (achtet auf das Wort „Sciopero“ auf den Anzeigetafeln ein paar Tage vor Eurer Abreise).
Aber ganz ehrlich, es gibt wirklich Schlimmeres, als am Canal Grande auf den verspäteten Zug mit einem Espresso im Bauch zu warten. Danke an Mathias für den Shuttleservice spät am Abend😉 (Zur Einstimmung verweise ich auf die Marketingkampagne mit Anke Engelke der DB z.B. auf Instagram. DB Marketingteam auf die 1.)
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Podcast, Lektüre & Film:
Ich liebe es mich auf die Reise einzustimmen und diese auch nachhallen zu lassen“, deshalb empfehle ich an dieser Stelle nochmal den Podcast „Venedig hören und lieben“. Es gibt eine ziemlich neue Folge, in der es mit Wolfgang Salomon um die Inseln der Lagune geht
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Lesung „Der Tod in Venedig“ BR Mediathek zum Jubiläum von Thomas Mann
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Lektüre:
Birgit Haustedt: Mit Rilke durch Venedig
Hanns-Josef Ortheil: Venedig. Eine Verführung
Ganz neu entdeckt habe ich, dank der Bücherstube in Wasserburg:
Joseph Brodsky (Nobelpreis für Literatur 1987): Ufer der Verlorenen (über Venedig im Winter)
Wolfgang Salomon: Venedig und die Lagune – für Fortgeschrittene (mein Geburtstagsgeschenk 2025)
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Film:
„Altweibersommer“ spielt u.a. im Hotel Excelsior auf dem Lido (am Anfang des Films hat der wunderbare Josef Hader einen Gastauftritt)
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