• Elvira Schmidt

Sternenhimmel in Colorado

Aktualisiert: 25. Juli

Zwei Sommer verbrachte ich 1998 und 1999 auf 2400 m Höhe in Colorado. Die unbeschreibliche Weite, die Rockies, die Pferde und Menschen aus dieser Zeit, trage ich noch immer in mir.



Sie waren im Laufe des Tages angekommen.

Von morgens an, sah man auf der langen Zufahrtsstrasse in Richtung Ranch den Staub aufsteigen, wenn sich die Anhänger auf diese zubewegten. Einige Trailer glichen größeren und kleineren Tieren, die aus zwei Teilen bestanden. Einem, der den Antrieb gab und einem, der diesen Antrieb aufnahm und sich bewegen ließ.

Manche schienen eher lange Wesen zu sein, die nur ein Scharnier besaßen, das eine Art Kopf darstellte und einen Köper hatte, der die Tiere in seinem Bauch transportierte.


Sie folgten dem langen hölzernen Jägerzaun, der erkennen ließ, dass die Ranch nicht mehr fern war. Der Zaun kündigte die Besiedlung an, denn die Zufahrtsstrasse wurde, wenn man auf diese abbog, von weiten, unfassbar weiten Grasflächen begleitet. Die Dimensionen waren so weitläufig, dass wir oftmals fünfzehn bis zwanzig Minuten mit einem Pferd und ohne Sattel zu den Weiden ritten, um dann ein anderes wieder auf dem Rückweg mit zur Ranch zu nehmen.


Die ankommenden Hängergespanne durften in der Nähe der Ranch anhalten, um auszuladen. Dafür gab es einen hoch eingezäunten Reitplatz mit den, für europäische Dimensionen, unglaublichen Maßen von 100 m x 100 m.


Man sah und hörte sie aussteigen. Langbeinige, noch etwas unfertige Pferde, die die Augen aufrissen, sobald ihr Kopf aus dem abschirmenden Hänger in das Tageslicht tauchte. Sie reckten die Hälse und öffneten ihre Mäuler, um zu wiehern. Einen Gruß, vielmehr Ruf auszusenden, zu denen, die da draußen schon waren und der gleichen Spezies angehörten. Die Pferdekörper gespannt, am Kopf ein Halfter und ein Seil, an dessen Ende ein Mensch versuchte, die geballte Erregung und jugendliche Kraft Richtung Tor zu dirigieren.

In der Einzäunung dann liefen sie los, galoppierten, trabten mit hocherhobenem Schweif, stoppten, Nüster an Nüster, um dann einen tiefen, fast heiseren Ruf auszustoßen, mit dem Vorderbein zu schlagen, hoch in die Luft. Sich umzudrehen und mit beiden Hinterbeinen, entweder nur leicht anzudeuten oder mit Kraft durchzuziehen, in Richtung des anderen.


Der Staub stand inzwischen über dem Platz, formte sich zu wolkenartigen Gebilden, die sich zusammenschlossen und zu einer fließenden dunstigen Färbung der Luft wurden.

So ging es über Stunden, die Leiber vermehrten sich und wurden zu Strudeln, die sich fanden, formten und wieder verloren. Schwarzes, dunkelbraunes, fuchsfarbenes, grauschwarzes, grau weißes dickes Pferdehaar, bildete fliegende Mähnen und Schweife, die fast ununterbrochen in Bewegung waren. Die dazugehörigen Felle veränderten sich jede Sekunde, sobald das Sonnenlicht auf die Rundungen dieser Körper traf. Sobald die Muskeln sich bewegten, sich spannten. Kein Tier glich dem anderen in Größe, Statur und Farbe. Wenn man genau hinsah, entdeckte man zwar Gemeinsamkeiten, ja Ähnlichkeiten, aber genauso Unterschiede und Merkmale, die nur dieses eine spezifische Tier hatte. Sei es ein Abzeichen am Kopf, die unterschiedliche Färbung der Beine und Fesseln oder die Tönung der Grundkörperfarbe.


Mit den Armen auf den oberen Holm der Einzäunung gelehnt, konnte man seinen Augen zu tun geben, ohne das diese auch noch die leichteste Tendenz zeigten, sich abzuwenden. Denn wie ein geflochtenes Lasso, glitten sie immer auf ein Detail, einen Kopf, ein Auge, eine Fessel, eine Hinterhand, um dort zu verharre. Und um dann weiterzuspringen, denn die Dynamik der Herde, trieb auch den Blick weiter.

Komprimierte Kraft und Ästhetik. Tausende Male besungen und bewundert. Dennoch werden Worte niemals heranreichen an die Wirklichkeit. Alle, die sich davon wirklich berühren lassen, werden sich verändern. Ehrfurcht, Respekt und Empathie, werden den Menschen dann hoffentlich so tief erfassen, dass man es wirklich gut meinen und machen will mit diesen Geschöpfen. Und man wird immer wieder vor dem Wunder den Atem anhalten, dass diese elegante Kraft irgendetwas mit dem Menschen zu tun haben will.


Nun trat ich aus der Lodge, dem flachen Gebäude, das die Küche, den geräumigen Speisesaal und die Sanitärräume beherbergte. Es war rechteckig mit einem umlaufenden, offenen Freiluftgang.

Meine Hände waren aufgeweicht vom Spülen des Abendgeschirrs. Mengen von weißen Tellern und farbigen Plastikbechern, hatte ich in gefühlten Stunden aus dem Dampf des Industriegeschirrspülers geholt und zu Stapeln getürmt. Nun waren alle satt. Die „Students“ aus den Horse-Man-Ship Kursen, die Instuktoren, die „working students“, Ranch Manager und die Verwandten und Freunde des Paares, das die Ranch leitete. Die Küche war aufgeräumt.

Man ging ca. 20 Meter über den Rasen, von der Lodge auf den Reitplatz zu. Diese Grasfläche hatten wir, wie Teppichstücke, am Anfang der Saison verlegt. Sode an Sode, Grasteppichfliese an Grasteppichfliese. Und er war tatsächlich angewachsen und zu einer geschlossenen Wiesenfläche geworden, auf die man die Pickniktische stellen konnte.

Wir, das waren fortgeschrittene „Horse Man Ship students“, die entweder "Instructor", also Lehrer für Menschen und Pferde werden wollten. Und "working students", die selbst einen Kurs besuchten und dann noch weiter auf der Ranch blieben, um dort zu arbeiten und weiter ihr "Horse Man Ship", also ihr Wissen um die Pferdespache am Boden und im Sattel, zu professionalisieren. Und dann gab es noch den "Ranch Manager" und die "Longterm Interns", die fast das ganze Jahr dort lebten.

So gehörten in diesem Sommer Amerikaner, Australier, Schweizer und Deutsche zum Ranch Team.


Ich blieb ich also vor dem brusthohen Zaun stehen, der aus dünneren Baumstämmen bestand. Es war dunkel geworden und auf dem Platz war Ruhe eingekehrt. Die Aufregung des Nachmittags hatte sich gelegt. Die Jungpferde standen in kleineren Gruppen, in Abständen oder näher beeinander. Sie hatten ihr Abendheu gefressen. Manche dösten, manche gingen umher. Man hörte sie immer wieder schnauben und abprusten.

Sie schienen sich damit arrangiert zu haben, dass sie nun hier waren.

So wie es Pferde ihr Leben lang tun. Sie werden in eine Umgebung gesetzt, die der Mensch bestimmt und für sinnvoll hält. Diese Anpassungsfähigkeit hat sie zu einem unserer längsten Begleiter gemacht. Und hier war die nächste Generation, die lernen sollte, was ihre Aufgabe im Erwachsenenleben sein würde.


Ich legte meine Hände und Unterarme auf die oberste Stange. Dabei versuchte ich eine möglichst glatte Oberfläche zu finden, damit meine Haut möglichst bequem lag. Dann ließ ich meinen Kopf, in dessen Haaren noch die Feuchtigkeit des Geschirrdampfes hing, niedersinken auf meine Hände und schloss die Augen. Ich lauschte, auf das leise Prusten, das Abschnauben, die vereinzelten Tritte der Hufe auf dem Sandboden. In größeren Abständen hörte ich noch einen heiseren Ton, der ganz tief aus dem Inneren eines dieser großen Tiere zu kommen schien. Noch immer klärten sie ihre Rangordnung, um sich zurechtzufinden. Man vernahm auch, wenn eines äpfelte oder pinkelte und die Darmwinde, die sich stakkatoartig lösten.

Man roch ihre spezifische Ausdünstung, die so charakteristisch für diese Tiere ist, dass sie sich dadurch unzweifelhaft, von allen anderen tierischen Geruchspuren identifizieren lässt. Warmwolkig, etwas scharf, wehte die Pferdebrise in unsichtbaren Schlieren herüber. Sie berührte die Nase im Inneren und immer auch irgendwie das Herz


Je länger ich so dastand, umso tiefer tauchte ich in die Geräusche dieser Pferdenacht. Wann hatte ich das letzte Mal so viele Pferde auf einmal gesehen und gespürt? Selbst in einem Schaubild auf einer Messe, in der eine arabische Pferdeherde freilief, waren es höchstens 30 gewesen. Jetzt waren es auf jeden Fall über 60, wenn nicht sogar noch viel mehr. Angesichts der Dimensionen war das schwer zu schätzen

Das Holz begann sich mit seinen Rinden- und Astresten in meine Haut zu bohren. Ich musste mich bewegen, tat es jedoch ungern. War doch das lange Lauschen und Riechen, tief in mich hineingetropft. Jedes Geräusch, jedes Geruchspartikelchen, streiften mich wie aus einer anderen Welt, die von Weite, Freiheit und wachsender Kraft lispelte. Sie raunte in mein Ohr und von dort schien es mein Inneres zu färben, langsam Faser für Faser. „Sie“ wurden ein Teil von mir, gaben mir ab, ohne es zu bemerken, von dem was sie ausmachte und weshalb Menschen seit Jahrhunderten ehrfürchtig entzündet werden von so viel.


Und trotzdem öffnete ich jetzt die Augen, löste meine Haut vom Holz und rieb mir deren Oberfläche, auf der sich die Holzstruktur eingeprägt hatte.

Ist es nicht unglaublich, dass man Holz auf seiner Haut sehen kann, wenn man sich nur lange genug darauf stützt ? Man kann es, aber es tut weh nach gewisser Zeit.


Und dann blickte ich hinauf in den Himmel über dem Reitplatz, der Lodge, der Ranch, den Koppeln, den Wäldern, den Rocky Mountains. Meine Augen trafen unvorbereitet auf eine so blauschwarze Dunkelheit, die eine Tiefe und Endgültigkeit ausstrahlte, wie ich sie noch zuvor nie gesehen hatte. Dazwischen leuchtend klar in Abständen, in Ansammlungen und als wolkige Gebilde, die Sterne. Und es war, als hätte ich bisher in meinem Leben, nur einen Bruchteil der Sterne gesehen, die ein Menschenauge fähig ist zu erfassen. All die Laternen und Beleuchtungen, hatten sie einfach verschwinden lassen. Einfach hinuntergeschluckt in ihr Dimmen und Glimmen. Und diesem Blick hinauf folgten weitere in einer Drehung, etwas nach links, dann etwas nach rechts, dann um 360 Grad. Und es war, als ob sich jedes einzelne Leuchten mit jeder Bewegung noch potenzierte und vermehrte, so sprunghaft, dass man Bange sein müsste, dass die Augen fähig seien, dies aufzunehmen. Ich atmete und stand und blickte und atmete und blickte und stand.


Ein Staunen nahm mich in seine Arme, umfing mich und blieb bei mir. Schier unendlich lange.

Die Zeit der Nacht wurde zu Sternen, die blinkte und leuchtete. Hundert, tausend, zehntausendfach, wie durchstochen aus dem dunkelsten Untergrund. Kaum sichtbare Punkte, zeigten sich, neben solchen mit unglaublicher Strahlkraft. Sie formten sich in ihren Helligkeits- und Farbtonabstufungen zu kleinen und größeren Ansammlungen. Zu Sternendörfern, Sternenstädten, Sternenstraßen und Sternenhigways.


Viel später, auf dem Weg zu den "Cabins", Schlafkabinen aus Holz, die im Wald verteilt waren, erahnte ich, dass ich so einen Himmel in Europa niemals wieder erblicken würde. Und ich wusste, dass ihn zu schildern, schier unmöglich sein würde.

Indem ich es hier jedoch trotzdem getan habe, ist ein Teil dieser Nacht, ein Abglanz dieser Sternenfülle zu mir zurückgekehrt.

Und das reicht erstmal, um das Leben in Augenblicken weiter leuchten zu lassen.

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