• Elvira Schmidt

In der Kuhzeitkapsel

Aktualisiert: 6. Sept.

Manchmal findet man am Wegesrand des Alltags unerwartet eine Zeitkapsel.

Vielleicht sogar eine Kuhzeitkapsel.

Der kleine Junge stand.

Er hatte den runden Holzstab fest gegriffen. Dieser überragte ihn um fast eine Körperlänge.

Zwischen drei und vier Jahren mochte er sein, mit sehr blondem Haar, das fast schon in`s Weißliche tendieren.

Ich sah ihn von hinten, wie er so mitten auf der Strasse stand, neben seiner Oma, die kräftig und stark in den Boden wurzelte. Er ging ihr bis zur breiten Hüfte, die in einer robusten blauen Stallhose steckte.

Er sah aus wie etwas Kleinwüchsiges, das sich in einer zu großen Welt wieder-gefunden hatte. Einer Welt, deren Abmessungen einen anderen Maßstab zu haben schien.

Dieses in die Weltgefallene zog meinen Blick an.


Den blauen Fiat Seicento hatte ich zum Stehen gebracht, als ich gesehen hatte, dass Menschen auf der Strasse standen.

Menschen, die eine Schnur, eine Leine, eine Absperrung quer über die Fahrbahn gespannt hatten, um trottende Kühe, auf ihrem abendlichen Gang zurück in den Stall, zu begrenzen.

Langsam bewegten sich nun, die gefleckten, braun- und schwarzweißen Tiere fort. Behäbig wie Elefanten, wiegten, schaukelten sie sich auf ihren paarigen Hufen vorwärts.


Diese Fortbewegung verlangsamten einzelne Tiere immer wieder, um zum Stehen zu kommen, etwas zu erschnuppern oder einen Geruch einzusaugen, vom Boden oder aus der Luft. Dann reckten sie die feucht glänzenden glatten Mäuler nach oben, so dass diese etwas aufstanden und atmeten leicht fauchend ein und aus. Manchmal formten sich auch tropfende Speichelfäden, wenn sie den Kopf schleuderten und so mehrfache Glitzerspuren, Glitzerfäden, durch die Luft beschrieben.

Sie hatten es nicht eilig.


Den Motor hatte ich inzwischen abgestellt. Nach etwa einer Minute auch das Radio.

Das katastrophenlastige Dauergebrabbel passte nicht zu dem, was sich da vor der Windschutzscheibe behäbig abspielte. Ich ließ ein Fenster hinunter und lauschte.

Auf die leicht schleifenden, radierenden Tritte, das pustende Atmen, die trottende Fortbewegung.

Hinter mir, hatte sich inzwischen eine kleine Reihe von Fahrzeugen gebildet.

Der Junge drehte sich um und besah sich den wartenden Autocorso.


Ich lächelte ihm zu. Der Junge jedoch blieb ernst, hielt seinen Stab ausdrücklich fest und wandte sich wieder den Tieren zu.

Die Kühe waren gut genährt, mit wohlgefüllten Flanken und großen Bäuchen. Ihre Euter taumelten rosaschwer und waren überzogen von Adern, die sich unter der Haut, wie mäandernde Flusslandschaften abzeichneten und wölbten.

Jede Kuh war eine eigene Landkarte für sich. Die Flecken des Fells, wie Länder und Inseln. Helle, dunkle, abgestuft. Große, mittlere, kleine, langgezogene und geballte.

Was, wenn man sie fotografieren und eine Collage daraus machen würde, dachte ich, wie schon so oft.

Teilstücke aus Kuhlandkarten.


Die Leiber der Herde überquerten jeweils zu zweit oder zu dritt die Fahrbahn. Auf jeden Trupp, folgte der nächste und wieder der nächste und wieder der nächste.

Ich hatte aufgehört auf die Uhr zu schauen. Blickte auf die Leiber, die Hufe, die Fellzeichnungen, die Augen und Wimpern, die Quastenschwänze, die feuchten, manchmal tropfenden Mäuler, die schweren Euter …

Nutztier, dieses Wort erschien auf einmal. Diese Tiere nutzen wir, weil wir ihre Milch trinken. Deshalb halten Landwirte sie. Deshalb.

Der Junge blickte noch einmal in meine Richtung, wie um zu prüfen, ob alle Autos noch standen. An der Geschwindigkeit der Herde änderten, weder er noch seine Oma etwas. Sie begrenzten nur die wandernde Spur der Tiere.


Ich atmete tief und blickte auf diese trottende Zeit, die keine Eile kannte, obwohl sie ein Ziel hatte.

Eine Kuh, die aussah wie ein Appalosapferd, mit einer feingesprenkelten Felldecke, nahm vor der Straße, den kleinen Weg links, in Richtung Lagerhalle. Langsam, stetig wich sie von der vorbestimmten Spur ab.

In diesem Moment, kam eine junge Bäuerin auf dem Fahrrad, hinter der letzten Kuh, zum Vorschein. Sie platzte mit ihrer Energie und ihrem rollenden Vorwärtsschwung, in die sich bedächtig wiegende Kuhzeitkapsel.


Ihr Stock trieb die Abwegige wieder tok tok auf den richtigen Weg, was diese mit einem buckeligen, sich drehenden Sprung, beantwortete.

Dann wogte auch sie, wieder zufrieden über die Straße, genau wie alle anderen. Wie ein Einzelfisch, der wieder im Schwarm der Gesamtheit verschwindet.

Die fahrradfahrende junge Frau war schon wieder verschwunden. Sie war durch das Bild gesaust und ihre Energie hinterließ, wie in manchen Comics, eine Bewegungsspur, die noch etwas nachdampfte.


Schließlich wurde das Seil aufgerollt. Der kleine Junge blickte mich noch einmal ernst an und folgte seiner Oma mit schnellen kleinen Schritten. Ein Kind, in einer großen Welt, der seine Bestimmung mit einem kräftigen Holzstab ausgestattet, für diesen Moment, in genau diesem Geschehen, mit genau diesen Tieren, gefunden hatte.


Ich ließ den Motor wieder an und seufzte dabei sehr, sehr tief.

Gerne wäre ich noch länger stehen geblieben. Mitten auf der Strasse, einfach so und hätte geblickt. Gerne, noch sehr lange und dann noch einmal länger.


Aber so fuhr ich wieder los, beschleunigte in mein Leben hinein. Meine Termine, Treffen und Vorhaben. Meine Gedanken bewegten sich jedoch noch lange in einer Kuhzeitkapsel.

Mit wogenden Tritten.

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