• Elvira Schmidt

Eine Schwimmboje wie eine Freundschaft

Ein Nachtrag an den plätschernden Schwimmsommer

Aus der Rückenlage sehe ich sie jetzt, meine neue Schwimmboje in Signalorangefarbe.


Ich habe sie heute zum ersten Mal mitgenommen und sie ist dafür gemacht, dass man sie beim Schwimmen im offenen Wasser hinter sich herziehen kann. Sie soll ein Rettungsanker sein. Im Falle des Falles. Gleichzeitig ist sie ein wasserdichter Sack, in den man im unaufgeblasenen Zustand seine Schlüssel oder was man sonst so mit sich führen will, hineinlegen kann.

Laut Anleitung soll man, die Oberkante dreimal einschlagen und mittels eines Clips verbinden. Danach erst wird die Boje aufgeblasen und so erhält sie ihre Form. Ein sich durch warmen Atem stossweise, füllender Körper, der am ehesten an eine überdimensionale Olive erinnert. Länglich mit zwei Handgriffen aus schwarzem, dicht gewebtem Gurtband. Mit zwei drehbaren, ebenfalls schwarzen, Aufblas- und Ablassstöpseln, die in die, sich immer straffer spannende Haut eingelassen sind. Befestigt wird das Objekt, mittels eines schwarzen Gurtbandes, das um den Bauch des Schwimmenden geführt wird und sich mit einem klackenden Plastikverschluss schließen lässt.


Meine langjährigste Freundin hatte sie mir, beim letzten Besuch, mit den Worten überreicht: „Die wollte ich Dir schon ganz lange schenken. Bitte nimm sie mit, Du schwimmst doch immer so weit.“


Dies war jetzt zugegebenermaßen schon wieder ein paar Wochen her, denn sie hatte mich im Übergang vom Spätfrühjahr zum Frühsommer besucht.

Der Sommer war inzwischen in vollem Gange. Ich schwamm so oft es ging, also fast täglich, in einem der umliegenden Seen, mit denen wir im Chiemgau, und das klingt pathetisch und ich meine es genauso, gesegnet sind.

Ehrlich gesagt, hatte ich gar nicht mehr an die Boje gedacht, denn ich war mit meiner vorhandenen Schwimmausrüstung bisher schon genug beschäftigt gewesen und wollte nicht noch mehr an mir befestigen. Immer benutze ich meine geliebten Handflossen, die ich von einer Freundin aus Frankreich geschenkt bekommen habe. Außerdem noch Fußflossen und eine hellblaue Schwimmbrille, die sich perfekt um die Augen herum festsaugen und mich aussehen lassen, wie ein Insekt mit hellblauen, glasigen Augen.

Jeden einzelnen dieser Gegenstände liebe ich sehr, denn sie haben sich alle bewährt. Mit ihnen kann ich aus jeder Schwimmstrecke ein kleines Training machen, denn man braucht mit diesen Flossen mehr Kraft. Gleichzeitig ist man viel schneller unterwegs, was größere Freude macht, als nur gemächlich dahin zuschwimmen. Die kraftvolle Verdrängung des Wassers bei jedem Schwimmstoss zu spüren, lässt einen das Element viel intensiver wahrnehmen und gibt mir das Gefühl wirklich mit ihm zusammenzuarbeiten. Wenn ich dem Wasser meine Kraft gebe, bekomme ich von ihm seinerseits Kraft zurück und werde unterstützend getragen.

Die beschriebene Ausrüstung hat jedoch den Effekt, dass man mit seinen Flossenanbauten an den Extremitäten und der glasbausteinartige Brille, wie ein etwas seltsam anmutendes Hybridwesen aussieht, das sich erst im Wasser zu einer beschwingten Erscheinung wandelt.

Deshalb braucht es nicht noch unbedingt eine in signalorange, leuchtende Boje, so dachte ich.

Hinzu kommt, dass jeder Ausrüstungsgegenstand vor dem Schwimmen eingepackt, am See angelegt und nach dem Schwimmen wieder verpackt, transportiert und zu Hause getrocknet werden will.


Und nun, sehe ich die Boje aus meiner Rückenlage, wie sie mich begleitet und dabei auf der Wasseroberfläche hinter mir her wackelt, fast schon tanzt.

Die Boje scheint zu flüstern: „Ich begleite Dich über lange Strecken und durch tiefes Gewässer. Du Dich auf mich stützen und wieder Kraft sammeln, wenn es nötig ist. Ich bin da, wenn Du mich brauchst.“

Am gegenüberliegenden Steg angekommen, halte ich mich an dessen Holzleiter ein und schiebe die Boje unter die abgewinkelten Arme. So gestützt, blinzele ich in die Sonne, lasse mich sanft schaukeln, blicke auf das Strandbad am gegenüberliegenden Ufer und in den Himmel. Lausche mit geschlossenen Augen nur noch auf das Plätschern. Ein leichtes Klimpern und Schwappen, das sich hauptsächlich auf der vor sich hin glitzernden Wasseroberfläche aufzuhalten scheint. Spüre nur noch, das Schaukeln des mich umgebenden Wassers und atme ganz, ganz tief. Die warme Sommerluft gießt sich in meinen Körper und füllt ihn ganz aus, mit Sommer von innen.


Auf dem Rückweg, merke ich, wie das Zutrauen größer wird. Fühle mich sicherer und schwimme deshalb kraftvoller und schneller. Ich lasse die Schwimmstöße mehr Wasser verdrängen und das Vorwärtsgleiten entwickelt so einen Schub, der sich anfühlt, als könnte man sich kurz an etwas im Wasser festhalten, ja abstoßen wie an Griffen, die sich aneinanderreihen und an denen sich der Körper vorwärtsziehen kann. Es fühlt sich wunderbar an. Ich habe eine Begleiterin, die im Falle des Falles an meiner Seite ist. Den Rückhalt und die Gewissheit, jederzeit mitten auf dem See innehalten zu können, um wieder zu Atem zu kommen.

Die Boje schickt beruhigende, in meiner Vorstellung orangefarbene Wellen zu mir, die mich völlig zu umgeben zu scheinen und dadurch ist es möglich, das letzte Stück mit viel mehr Krafteinsatz und Speed als sonst zu schwimmen.


Wieder an Land, mit Blick auf die Handyuhr, ist klar, dass die geschwommen Zeit, um einiges kürzer ist, als die Male davor. Der Atem geht immer noch schnell, das Herz tokkert in hoher Frequenz. Arme und Beine haben wirklich gearbeitet. Ein leichter, feiner Druck hat sich wie ein weiches Tuch, wie eine zweite Haut, um die Muskelstränge geschmiegt.


Die Boje war meine Entspannung am Steg gegenüber. Ich wusste auf der langen Schwimmstrecke, dass sie meine Begleiterin ist und zur Stelle sein wird, wenn ich sie brauche. Allein diese Gewissheit, hat mich stärker gemacht, einsatzfreudiger und aktiver. Das nächste Mal werde ich, ohne es zu müssen, mitten auf dem See innehalten und mich kurz einfach tragen lassen.

Die Luft lasse ich nun aus der Boje. Die Tropfen, die geperlt auf der Oberfläche ruhen und in denen sich Bruchteile des Himmels niedergelassen haben, trockne ich weg. In meinem Kopf, formen sich die grünblau plätschernden Worte: „Eine Schwimmboje wie eine Freundschaft - eine Freundschaft wie eine Schwimmboje“


Mal wieder ist das Schwimmerglück grundtief nach innen geschwappt. Es kleidet mich mit Sommerseefarben aus.

Und von außen spüre ich den Schutz noch immer. Er hat sich auf die wasserkalte Haut wie ein angewärmtes Handtuch gelegt und wird noch den ganzen Tag zu spüren sein.



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