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27.10.2019

Siebte Kolumne zur "Expedition Hoiz"

Wie kann man das eigentlich nennen, was wir tun?
Als Malerin, die auf und damit mit Holz arbeitet und diesem bewusst ein Mitspracherecht einräumt.
Als Bildhauer, der „nur“ das Richtige wegnehmen braucht, um das Wesentliche sichtbar zu machen. Bei „nur“ kann ich hier nur zwinkern und mich räuspern, denn in diesem „nur“ steckt die gesamte Könnerschaft.

Vielleicht kommt das Wort Metamorphose dem Prozess ein wenig näher.
Moment ich blättere in schweren, etwas angestaubten Nachschlagewerken und finde folgende Definition:

Metamorphose
die Wandlung von etwas (in eine andere Gestalt oder in einen anderen Zustand)
"Ein Beispiel für eine Metamorphose im Tierreich ist die Entwicklung des Eis zur Kaulquappe und schließlich zum Frosch", sagt mir das Wörterbuch.

Es beginnt so etwas wie ein zweites Leben. Wobei in unserem Fall keine komplette Verwandlung stattfindet, da ja etwas bleibt. Das Wesentliche bleibt. Das ist vielleicht ein kleiner Unterschied zur kompletten Verwandlung.
Es verwandeln sich nur einige Aspekte. Und dabei hat wieder die Inspiration ihre feingliedrigen Finger im Spiel.

Ich stehe also in meiner Schatzkammer. Meiner Wunderhöhle.
Vor mir befinden sich an die Wand gelehnte Bretter in lang und kurz, schmal und breit. Dazwischen Türchen, Schubladen, Möbelteile …
Es scheint eine gewisse Ordnung zu geben.
Einige hatte auch ich schon vergessen und freue mich über Wiederentdeckungen.
Hier erfolgt die erste Auswahl:
Was brauche ich? Manchmal wähle ich nur nach Gefühl, das aus, was mir in`s Auge fällt. Manchmal habe ich einen bestimmten Raum, einen Zweck, einen Kunden im Kopf.

Sollten die Holzteile noch nicht gereinigt sein, beginnt das jetzt.
Dazu brauche ich einen sonnigen Tag, besser mehrere und ziehe mit Wurzelbürste und Ökoreiniger los auf eine freie Fläche vor dem Haus, wo Platz genug ist für die Turnerei mit Schlauch, Gießkanne, manchmal auch mit Hochdruckreiniger.
Und hier, genau hier beginnt schon die erste Magie.
Dreckverkrustete, oftmals auch dunkle Bretter sind keine Seltenheit und meistens sehe ich schon während der Prozedur so aus, wie die Bretter vorher.

Das eigentlich Faszinierende ist zum einen, ja ich gebe es zu, mit Wasser herumzuwerkeln und den Dreck so richtig spritzen zu lassen. Es versetzt mich zurück in Kindheitserinnerung, in denen wir in Schlammlöchern saßen und spielten. Während unsere Nachbarn manchmal kopfschüttelnd vorbei gingen, blieb meine Mutter, die übrigens eine Hygienezusatzausbildung hatte, cool. Solange wir Spielklamotten anhatten, konnten wir herumsauen wie wir wollten. Wozu gibt es eine Waschmaschine, sagte sie dann immer. Danke Mama hierfür!

Zum anderen beginnt schon hier eine Verwandlung des Holzes. Das Holz beginnt sich nun wirklich zu zeigen. Es wird heller, die wunderbarsten Tönungen kommen hinter der Dreckschicht zum Vorschein.
Es zeigen sich Strukturen, Astlöcher, Lacke lösen sich, Kratzer werden sichtbar…
Es ist wunderschön anzuschauen.
Wenn ich die Hölzer dann in die Sonne stelle zum Trocknen, verändern sie sich nochmals und ich sitze von Zeit zu Zeit einfach dabei, hole mir manchmal sogar einen Cafe und schaue ihnen bei ihrer Veränderung zu. Lucky me, denke ich dann und die Welt ist für einen kurzen Augenblick in Ordnung.

Während die Bretter trocknen, schauen wir mal in der Werkstatt von Mathias vorbei, denn sein Vorlauf ist etwas kürzer.
Mathias geht mit einer Idee im Kopf oder einer groben Skizze auf Papier in seine Wunderhöhle. Er wählt nach Größe, Umfang und Holzart aus. Er schneidet das Stück Holz zu und spannt es auf den Holzbildhauer Block. Nun setzt er den Edding flott und zeichnet skizzenhaft das Motiv.

Und dann beginnt das, was mich immer wieder fasziniert: Eine Mischung aus Kraft, Gefühl und Können. Und ach ja, Geräusch. Die Schläge hallen weit, sie sind laut und die anfangs groben Späne, haben mich schon mehr als einmal „abgeschossen“, während ich malte.
Erst neulich gab mir Mathias einen Klöpfel in die Hand, zeigte auf eine Stelle, die weg musste und durfte und ermunterte mich: „Los geht`s“.
Und ich holte Schwung. Und tatsächlich … es gelang. Der Klöpfel saust auf das Schnitzeisen und es löst sich ein Span und hinterlässt eine glatte, glänzende Oberfläche in der Eiche.
Ein kraftvolles, freudiges Gefühl, das erahnen lässt wieviel Arbeit in einer fertigen Figur steckt.
Mathias übernimmt wieder und dann erscheint sie auf einmal. Die Figur. Sie lässt sich quasi aus dem Holz heraushelfen.
Für mich ist es jedes Mal eine Erstehung und ein befreiender Akt.
Und ihn umweht bis zum Schluss eine Gefahr, die unter dem Motto: „Was weg ist, ist weg“ steht.

Inzwischen steht auch mein Holzbrett auf der Staffelei. Manchmal auch auf zweien, wenn es besonders groß ist. Mehrere Tage in der Sonne haben es trocknen und weiter aufhellen lassen.
Je nachdem wer sich außer mir nun noch in der Werkstatt befindet, beginnt jetzt mein Prozess entweder in Stille, mit einem selbstgewählten Kultursender oder mit einem fremdgewählten Mainstreamsender, falls unten die Schreiner werkeln.
Erstaunlicherweise kann ich inzwischen in allen drei Zuständen arbeiten, wahrscheinlich weil sich die Wahrnehmung auf einen Hauptkanal verschiebt: Das Sehen.

Was dann passiert, dafür nehme ich mir demnächst Zeit, denn die Seiten sind voll und das Telefon klingelt.

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